Warum ich kein Weihnachtsmensch bin

Advent. Keine Zeit im Jahr führt mir meine Unzulänglichkeit deutlicher vor Augen als die Vorweihnachtszeit. Warum?

Im Fernsehen gibt es nur noch Werbespots mit festlich geschmückten Wohnungen, weihnachtlicher Beleuchtung und gut gekleideten und gestylten Menschen, die lachend an einer großen Tafel oder unter einem noch größeren Weihnachtsbaum sitzen und sich über ihre Geschenke und das Essen und vor allem das Zusammensein freuen. AM ARSCH. Würde ein Kamerateam in unsere Wohnung kommen, würde der Kabelträger erstmal über das Kabel vom Staubsauger fallen und der Beleuchter stünde mit einem Fuß in einem Altpapierkarton, mit dem anderen in der Bügelwäsche. (Bügelwäsche klingt netter als das, was es in Wahrheit ist: Ein unsortierter Haufen gewaschener und nicht weggeräumter Klamotten, die zwar gern gebügelt werden möchten, aber in unserem Haus nicht werden. )

Dann das Geschenkethema. Es gibt da so dieses Idealbild von ein paar wunderschön verpackten Geschenkekartons unter dem Baum, jeder bekommt eines, es ist eine große Überraschung und noch größere Freude für jeden. AM ARSCH. Ich habe jetzt nicht so ein großes Problem damit, etwas für meine Kinder zu finden, Wünsche haben die immer mehr als genug, aber trotzdem zeigt mir die Schenkerei auch wieder meine Unzulänglichkeit. Wir wollten nämlich eigentlich die Kinder ein bisschen minimalistischer aufziehen, ein Geschenk pro Kind und das idealerweise auch eher hochwertig statt Plastikschrott. Nun sind die beiden aber im Lego-Fieber und werden daher nicht nur von uns, sondern auch von den Omas, Onkel, Tanten und Pateneltern Lego bekommen. Viel Lego. Sehr viel Lego. Barfußgehen wird in den nächsten Monaten zur Tortur. Aber soll ich ihnen lieber eine pädagogisch wertvolle Holzeisenbahn kaufen, wenn sie doch nur mit Lego spielen? Etwas völlig anderes zu schenken, wäre zwar eine große Überraschung, aber definitiv keine Freude, also doch Lego, was dann zur großen Freude ganz ohne jegliche Überraschung führt.

Eigentlich wollten wir auch als festes Ritual einführen, dass vor Weihnachten die Kinderzimmer einmal aufgeräumt und grundgereinigt werden, damit Platz für die neuen Geschenke geschaffen wird und außerdem aussortierte Spielzeuge rechtzeitig an die Toy Company oder Die!!! Weihnachtsfeier gespendet werden können. AM ARSCH. Unser diesjähriges Aufräumen war eher ein alles vom Boden Aufheben und in Kisten Schmeißen, damit wenigstens mal gesaugt werden kann.

Baum: Die Vorzeigefamilie geht in den Wald, schlägt sich einen Baum, schmückt den gemeinsam und er ist riesig und glänzt und strahlt so schön, dass alle spontan „am Weihnachtsbaume die Lichter brennen“ anstimmen. AM ARSCH. Ich will keine toten Bäume im Wohnzimmer. Unser Topfbaum vom letzten Jahr hat auf dem Balkon leider nicht überlebt. Einen Kunstbaum haben wir noch auf dem Dachboden, aber den findet der Herr des Hauses zu klein. Und nu? Größeren Kunstbaum kaufen? Oder die Christbaumkugeln an den Drachenbaum hängen? Egal wo sie hängen, es wird furchtbar sein, weil die Kinder ja mit schmücken möchten. Sie möchten aber nicht überlegen, was wohin passt. Der Vorgang des Schmückens dauert bei uns im Schnitt 4,25 Minuten, in denen die Kinder alles, was in der Kiste ist, herausreißen und irgendwo am Baum aufhängen, bevorzugt nur an einer einzelnen, ganz außen wachsenden Nadel befestigt, sodass es nach wenigen Minuten wieder abstürzt. Mein geplantes Farbkonzept mit magnolien- und taupefarbenen Kugeln mit filigraner Silberverzierung wird also unterbrochen durch Fimo-Figuren von Maus und Elefant, selbtbemalte Kugeln aus dem Kindergarten, hässliche Porzellanglocken, die es mal bei meiner Arbeit geschenkt gab und „Kugeln“ in Form von Fußballtrikots in 96-Farben. Wann möchte das Kamerateam von Schöner Wohnen vorbeikommen?

Weihnachtsmärkte. Man trifft sich spontan mit ein paar Freunden oder Kollegen nach der Arbeit auf dem Weihnachtsmarkt und gönnt sich noch ein Heißgetränk und einen kleinen Snack. AM ARSCH. Spontan? Vor Weihnachten? Wer kann sich das denn bitteschön leisten? Die eine kann nur Dienstag, der nächste immer außer Dienstag und Donnerstag und die dritte kann noch nicht fest zusagen, weil die Kinderbetreuung noch nicht klar ist. Wenn das Gipfeltreffen dann doch zustande gekommen ist, möchte eine beim Kunsthandwerk schauen, eine sucht die den Apfel-Calvados-Stand und irgendwann verliert man sich im Gedränge. Ich stehe dann 10 – 15 Minuten beim Glögi an, um dann nach erfolgreichem Erwerb zweier Becher angerempelt zu werden und mir das Zeug über die Jacke zu gießen. Zumindest an der Stelle, wo der Glögi durch die Kleidung meine Haut verbrüht, ist mir dann kurzzeitig nicht kalt, an den Füßen dafür umso kälter. Auf der Suche nach einer Kleinigkeit zu Essen lande ich dann in Ermangelung anderer veganer Alternativen wieder beim Pommes-Stand und rieche endlich nicht mehr nur nach Beerenwein, sondern auch nach Frittierfett. Zum Abschluss noch ein Abstecher zum Mittelalter-Weihnachtsmarkt mit ein wenig vermeintlich mittelalterlicher Dudelsackmusik, wo ich noch schnell eine überteuerte angeblich handgemachte Lavendelseife für die Frau des Onkels meines Mannes kaufe, und dann ist dieser Punkt auf der Weihnachts-Vorfreude-To-Do-Liste auch endlich abgehakt. Mal ehrlich: Wer ist denn wirklich gern auf dem Weihnachtsmarkt? Also mal abgesehen vom IS?

Ach, und die Weihnachtsfeiern. Der Gedanke dabei ist doch, sich mit einem bestimmten Kreis von Menschen (Kollegen, Vereine, Betreuungseinrichtungen etc.) in entspannter Runde bei ein paar netten Leckereien zu treffen und mal in Ruhe zu quatschen. AM ARSCH. Inzwischen ist es zur totalen Verpflichtungs-Lawine geworden, die über uns hereinbricht. Wie kriegt man es geregelt, wenn Chor und Fußballverein mal wieder am selben Tag feiern? Wer besorgt das Sammelgeschenk für Trainer X und wer für Lehrkraft Y? Wer sammelt das Geld ein und was machen wir, wenn Familie Z mal wieder zusagt, sich zu beteiligen, aber dann doch nicht bezahlt? Die Frage, wer sammelt und wer besorgt, war in den letzten Jahren immer schnell beantwortet: Im Zweifelsfalle immer Anna. Dieses Jahr nicht. Was natürlich auch kacke ist, wenn man in den letzten Jahren so viel Arbeit und Herzblut in diese Sammelgeschenke investiert hat, dass inzwischen eine gewisse Erwartungshaltung daraus entstanden ist. Tja, Pech, meine Erwartungen erfüllt ja auch keiner.

Und dann die gemütlichen Advents-Sonntage im Kreise der Lieben. Mit Kuschelsocken, einem Becher Tee und einem schönen Buch mit Adventsgeschichten auf dem Sofa. Entspannt eine schöne Zeit haben und die Vorfreude auf Weihnachten genießen. AM ARSCH. Die gemütlichen Advents-Sonntage verbringe ich auf langen Spaziergängen zwischen Schmutzwäschebehälter und Waschmaschine mit gelegentlichen Abstechern zum Müllcontainer oder Geschirrspüler. Wenn ich mich mit einem Buch aufs Sofa setzen möchte, muss ich dort erstmal den Korb mit den Single-Socken, den Laptop und den Papierkram wegräumen, die stehen dann aber trotzdem noch in Sichtweite und schränken die Gemütlichkeit dabei massiv ein. Da nützen auch meine 12 Schneeflocken-LED-Lichterketten, mit denen ich im Haus eine verzauberte winterliche Atmosphäre zu schaffen versuche, herzlich wenig. Und schon haben wir den nächsten Unzulänglichkeitspunkt: Diese Lichterketten verbrauchen Batterien ohne Ende und ich habe mein Ladegerät für die wiederaufladbaren Batterien irgendwie verlegt, weshalb da jetzt Einwegbatterien drin sind.

Tja, und das gemütliche Beisammensein. In meiner Vorstellung sitzen wir dann auch an einer langen, festlich gedeckten Tafel und essen was Leckeres und lachen zusammen. AM ARSCH. Immerhin haben wir jetzt einen ausziehbaren Esstisch. Für Deko ist darauf aber kein Platz, echte Kerzen traue ich meinen Kindern nicht zu und das zu servierende Essen ist bei einer Familie mit sehr untraditionellen Ernährungsgewohnheiten auch eher schwierig. Wir haben zwei Kinder, die außer Nudeln eigentlich nichts essen, einen Papa, der alles isst, solange es mal ein Tier war, eine Oma, die gegen Schalentiere allergisch ist und kein fettiges Essen mag, eine Oma, die fettiges Essen liebt, aber wegen ihrer Erkrankung nicht essen darf, die dritte Oma, die weder im Glas noch in der Sauce Alkohol haben darf und eine Menüplanerin, die selbst keine Tiere isst und sich vor Fleisch ekelt, aber die Familie nicht enttäuschen will. Und das mit dem Lachen kriegen wir auch meistens nicht so richtig hin, es ist irgendwie immer stressig, man möchte es allen recht machen, aber es ist nie perfekt, es ist nie aufgeräumt genug, nie warm genug, nie festlich genug, nie traditionell genug. Ich bin einfach nie wasauchimmer genug. Ich will doch nur, dass sich bei uns alle wohlfühlen. Dass wir den familiären Aspekt des Konsumfestes in den Vordergrund stellen. Dass wir es genießen, einfach zusammen zu sein und uns schon auf das nächste Jahr freuen. Aber was nach den Festtagen stattdessen bleibt, ist meistens eine Art Katerstimmung inmitten von Lego-Verpackungen, nur noch schwach glimmenden Lichterketten und der langen Liste, was ich hätte besser machen müssen. (Spoiler: Alles.)

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Wie schaffst Du das nur alles?

Neulich hat mich bei einem Chorauftritt eine andere Mutter gefragt, wie ich das eigentlich alles schaffe mit Arbeit, chronischer Krankheit und den vielen Terminen der Kinder. Ich habe kurz überlegt, ihr die Standard-Antwort zu geben: Ja, ist schon stressig, aber geht schon irgendwie. Aber das erschien mir dann doch falsch. Also habe ich ihr in Kurzform das gesagt, was ich Euch jetzt in Langform verrate: Ich schaffe es nicht. Kein bisschen. Ja, es gelingt mir irgendwie, die Kinder halbwegs pünktlich bei ihren Punktspielen, Chorauftritten oder Instrumentalstunden abzuliefern, aber an den Tagen, wo ich Mamataxi bin, läuft nichts anderes. In der Zeit läuft keine Waschmaschine, das Frühstücksgeschirr steht um 20 Uhr noch auf dem Küchentisch, weshalb wir unsere Lieferpizza am Couchtisch essen müssen, und die Hausaufgaben sind dann auch noch nicht durchgesehen. Ich schaffe das einfach nicht.

Montags haben die Kinder derzeit weder Sport noch Musik, also ist das der Tag für Augenarzt- und Kieferorthopädietermine, außerdem der Tag, an dem die Wohnung so weit entmüllt wird, dass am Dienstag die Haushaltshilfe durchfeudeln kann. Meistens schaffen wir es gerade so kurz vor knapp, bis Dienstagmorgen 7:45 Uhr die Bude betretbar zu zaubern. Die Haushaltsfee zaubert dann den Rest, weshalb man uns am Dienstagnachmittag in der Zeitspanne zwischen Hort und Fußballtraining auch unangemeldet besuchen kann. Was ich aber dann beim Fußballtraining wieder nicht schaffe, ist den Halbjahresbogen von der Minijobzentrale rechtzeitig auszufüllen. So eine Haushaltshilfe macht eigentlich mehr Arbeit, als sie abnimmt, man muss für sie aufräumen und zweimal pro Jahr Papierkrieg mit der Knappschaft führen. Das ist noch schwerer zu schaffen als Chorauftritte.

Es gibt im Bekanntenkreis eine Mutter, die ich immer bewundere, weil es bei ihr immer aufgeräumt und geputzt ist, und das ohne Haushaltshilfe, und die jeden Abend frisch und gesund für die Familie kocht. Außerdem schreibt ihre Tochter bessere Noten als mein Sohn und hilft freiwillig beim Salatschnippeln. Bei denen ist also alles perfekt. Dachte ich. Und ausgerechnet von der Mutter hörte ich kürzlich den für mich nicht nachvollziehbaren Ausspruch, dass sie mich dafür bewundere, wie organisiert ich doch bin. Tja, die war wohl noch nie am Montagnachmittag bei mir. Und auch nicht am Mittwochabend, wo ich mit einer halben Flasche Weißwein heulend auf dem Sofa sitze und nicht weiß, wie ich den Rest der Woche überleben soll. Dass also ausgerechnet die aus meiner Perspektive perfekte Mutter mich für organsierter hält als sich zeigt mir eins ganz klar: Wir alle scheitern jeden Tag auf die eine oder andere Weise an den selbstgesteckten Zielen. Und die wenigsten gehen mit ihrem Scheitern hausieren, stattdessen lassen wir die Öffentlichkeit nur an dem, was geklappt hat, teilhaben. Wenn Ihr Euch also das nächste Mal mit einer anderen Mutter vergleicht und nach eigenem Gefühl schlechter abschneidet, könnt Ihr entspannt davon ausgehen, dass auch die regelmäßig von Selbstzweifeln geplagt die Schublade mit den Backzutaten leer frisst oder gerade gestern den Zahnarzttermin des Mittelkindes verschwitzt hat. Also alles halb so schlimm. Wir schaffen das nicht und das ist auch gut so, liebe Genossinnen und Mit-Mütter.

Ich werde jetzt Guru.

Mach Dich krass! I make you sexy! Wenn ich das geschafft habe, schaffst Du das auch!

Wisst Ihr was? Ich bin schon krass! Und sexy! Wie ich das geschafft habe? Ganz einfach, folgt mir, ich werde Euer neuer Guru! Habt Teil an meiner Weisheit:

Liebe Menschen. Ihr habt ein Leben. Ihr dürft damit machen, was Ihr wollt, solange Ihr damit keinem anderen schadet. Eure Lebenszeit ist limitiert und dummerweise – oder glücklicherweise – wisst Ihr nicht, wann das Limit erreicht ist. Morgen? Nächste Woche Mittwoch? Am Morgen des 98. Geburtstags? Könnte alles sein. Und bis dahin will jede Stunde weise genutzt sein.

Wenn es Euch glücklich macht, Sport zu treiben, den Körper an seine Grenzen zu bringen, Muskeln aufzubauen oder morgens vor der Arbeit ein paar Kilometer zu joggen, um den Kopf frei zu kriegen – macht das! Genießt es! Ein wunderbares Hobby!

Wenn es Euch glücklich macht, Euren unsportlichen Körper mit einem guten Buch auf dem Sofa zu parken und in fremde Welten abzutauchen, mit den Protagonisten mitzufiebern und nach dem Ende des letzten Satzes so etwas wie Liebeskummer zu verspüren, weil das Buch vorbei ist – macht das! Genießt es! Ein wunderbares Hobby!

Wenn es Euch glücklich macht, im Job die Karriereleiter zu erklimmen, bis ganz oben die Luft immer dünner wird und das Konto immer dicker – macht das! Genießt es! Ist zwar kein Hobby, aber bestimmt super für’s Bruttoinlandsprodukt!

Wenn Ihr Eltern seid und beruflich ein paar Gänge runterschalten möchtet, um Conni-Bücher vorzulesen – macht das! Genießt es, sofern es möglich ist, Conni-Bücher zu genießen! Kinder sind zwar ein teures Hobby, aber können echt Spaß machen!

Wenn Ihr für Euer Leben gern Salat mit gerösteten Kürbiskernen an Himbeer-Balsamico-Vinaigrette esst – genießt es! Guten Appetit! Und wenn Ihr Schokolade und Rotwein bevorzugt (und das Histamin vertragt) – genießt es! Guten Appetit!

Ihr liebt Make-up und genießt das Styling vor der Party fast mehr als die Party selbst? Ran an den Pinsel! Genießt es! Ihr haltet Schminken für eine Verschwendung von Lebenszeit? Wunderbar, nutzt die Zeit für etwas anderes und tragt Eure natürliche Schönheit spazieren!

Ihr habt den Netflix-Probemonat und wollt einfach nur die letzte Staffel einer Serie zu Ende schauen, ohne Euch Gedanken über sinnvolle Freizeitgestaltung zu machen? Dann legt los, schnell, bevor das Abo kostenpflichtig wird! Ihr wollt das Abo? Prima, darf ich bei Euch auf dem Viert-Account mitgucken?

Ihr wollt den perfekten Bikinikörper? An die Arbeit: Körper ist schon vorhanden, also nur noch schnell einen Bikini kaufen!

Lasst Euch von niemanden einreden, Ihr müsstet Euch optimieren, um krass oder sexy oder was auch immer zu sein. Wisst Ihr, was wirklich sexy ist? Wenn jemand in sich ruht, statt gehetzt einem utopischen Ideal hinterherzujagen. Wenn jemand humorvoll oder geistreich ist. Oder wenn jemand eine wirklich gute Crème brûlée zubereiten kann. Oder ein eine gute Buchempfehlung geben kann. Oder selber Bücher schreibt. Wenn jemand sich in seinem Körper so wohl fühlt, dass er/sie diesen Körper in wunderschöne Outfits kleidet oder diesen Körper beim Tanzen spüren und zeigen mag. Wenn jemand ein Instrument spielt. Oder frei von Scham auf einer Karaoke-Bühne treffsicher jeden Ton verpasst. Wenn jemand sich viele Gedanken macht, um für andere das perfekte Geburtstagsgeschenk zu finden. Wenn jemand herzhaft über sich selbst lachen kann. Das ist sogar krass sexy. Und diese wichtige Lektion bekommt Ihr völlig gratis, ganz ohne Abonnement!

Es grüßt Euch salbungsvoll
Euer neuer Guru

Königin von Deutschland

Ich leide unter einem gefährlichen Parasiten: Dem Ohrwurm. Der sucht mich sehr oft heim, und der einzige Weg, mich dagegen zu wehren, ist das Ändern der Texte der Songs, mit den der Wurm mich quält. Seit Wochen habe – warum auch immer – König von Deutschland im Kopf. Ein Lied voller Poesie und Sprachwitz – aber leider nicht mehr up-to-date, daher habe ich das mal überarbeitet. Eigentlich wollte ich es singen und das Ergebnis über Youtube veröffentlichen, aber das kann ich Euch nicht antun. Also singt bitte selbst, die Karaoke-Version gibt es auf Youtube, hier ist der Text:

Jede Nacht um halb eins mit dem Handy im Bett
will ich eigentlich abschalten, schließlich ist es spät,
und am nächsten Morgen muss ich wieder zeitig raus,
in die Arbeit und einkaufen und noch putzen das Haus.
Ich denk mir so ein Schläfchen, ja das wär jetzt fein,
einfach Augen zu und Decke drauf, dann schlaf ich ein.
Morgen früh bin ich fit und geh sogar laufen,
und dann schaff ich‘s vor der Arbeit noch ein Brot zu kaufen!

Das alles, und noch viel mehr,
würd ich machen, wenn ich nicht mehr bei Facebook wär.
Das alles, und noch viel mehr,
würd ich schaffen, wenn ich nicht mehr bei Facebook wär.

Ich würde abends ganz früh schlafen, morgens früh aufstehen,
würde dreimal in der Woche in die Muckibude gehen.
Und zu essen gäb es täglich frisch geschnippelten Salat
und am Wochenende Lasagne mit Blattspinat.
Meine Bude würde glänzen, meine Kinder wär’n adrett,
und auch die wär’n jeden Abend schon um acht im Bett,
Ich würd Kleidung selber nähen, müsste nix mehr kaufen,
die Karriere würde sicher noch viel besser laufen.

Das alles, und noch viel mehr,
würd ich machen, wenn ich nicht mehr bei Facebook wär.
Das alles, und noch viel mehr,
würd ich schaffen, wenn ich nicht mehr bei Facebook wär.

Ich würd täglich masturbieren, dafür hätt ich Zeit,
und gelegentlich hätt ich sogar Sex zu zweit.
Meine Steuer wäre fertig schon vor Ende Mai,
und bei jedem Elternabend wär ich auch dabei.
Darum lege ich jetzt endlich mal das Smartphone weg
und beseitige vom Küchentisch den gröbsten Dreck,
aber vorher muss ich davon noch ein Foto teilen
und was posten in der Gruppe, oh, ich muss mich beeilen!

Das alles, und noch viel mehr,
würd ich machen, wenn ich nicht mehr bei Facebook wär.
Das alles, und noch viel mehr,
würd ich schaffen, wenn ich nicht mehr bei Facebook wär.
Das alles, und noch viel mehr, würd ich machen, wenn ich nicht mehr bei Facebook und Twitter und Whatsapp und Tinder und Snapchat und Wiki und Instagram wär!

Kindheitsträume oder Kindheitstrauma?

Böse Zungen behaupten manchmal, dass die meisten Eltern versuchen, sich über ihre Kinder selbst zu verwirklichen. Da werden dann Kinder zum Leistungssport gedrängt, um zu kompensieren, dass man selbst die Profikarriere wegen eines Kreuzbandrisses knapp verpasst hat. Andere Eltern kaufen ihren Kindern alles, was sie selbst nicht haben durften.

Ich hatte beschlossen, meine Kinder immer selbst wählen zu lassen, welchen Freizeitaktivitäten sie nachgehen. Natürlich immer in der festen Hoffnung, dass sie sich nie für den Kindheitstraum ihres Vaters, nämlich Eishockey, entscheiden. (Die Eiszeiten der Bambinimannschaften sind vorzugsweise Sonntagmorgen 7:00.) So fanden meine Jungs dann zum Fußball, Schwimmen und phasenweise zum Reiten.

Musikalisch stand bisher immer die Stimme im Vordergrund, der Große singt im Chor, der Kleine steht bei den Auftritten in der ersten Reihe und singt mit. Ich selbst kann nicht singen, konnte ich noch nie. Ich bin auch nicht sonderlich musikalisch, ich habe nur ein Gefühl für Rhythmus. Da war es wohl naheliegend, dass ich mir immer ein Schlagzeug gewünscht habe. Rückblickend verstehe ich zwar, dass ein Schlagzeug in einer kleinen Wohnung im ersten OG eines Mietshauses eher suboptimal aufgehoben gewesen wäre, dennoch war ich als Kind ziemlich enttäuscht, als ich meinen (überaus musikalischen) Vater um ein Schlagzeug anbettelte und stattdessen eine Blockflöte bekam. Im Jahr darauf bekam ich eine Bontempi Heimorgel, kurz danach auch noch eine Gitarre. Ich weiß nicht, ob mein Vater diese sinnlosen Geschenke überhaupt mit meiner Mutter abgesprochen hatte, sie hatte jedenfalls das Vergnügen, mein kleines Orchester irgendwie in meinem Kinderzimmer unterzubringen. Alle drei Instrumente haben eines gemeinsam: Ich kann nicht darauf spielen. Aber beim Rumschrammeln auf Orgel und Gitarre kann man wenigstens Kaugummi kauen. Im Blockflötenunterricht nicht. Habe ich ganz allein herausgefunden, angewandte Musikwissenschaft: Blasinstrumente vertragen sich nicht mit Kaugummi. Noch ein klarer Vorteil des Schlagzeugs.

Wie auch immer – ich hatte mir immer geschworen, dass ich, wenn eines meiner Kinder den Wunsch nach einem Schlagzeug äußert, diesen zu erfüllen versuche, sei es über eine Schallisolierung unserer Garage oder über bezahlte Übungsstunden in einem Bandprobenraum. Diesen heiligen Eid legte ich mit der Hand auf dem ersten Schwangerschaftstest ab. Aber je älter (und musikinteressierter) meine Kinder wurden, desto größer wurde die Sorge, dass ich eines Tages wirklich mit diesem guten Vorsatz konfrontiert werde und ein Kind einen lauten und platzfordernden Instrumentenwunsch äußern könnte. Denn es ist schon ein Unterschied, ob man schwört, sein Kind immer zu unterstützen, oder ob man sich wirklich ein Schlagzeug in die Wohnung stellt.

Tja, manchmal spielt das Karma oder Schicksal oder was auch immer lustige Streiche. Denn jetzt ist es soweit. Mein jüngster Sohn hatte im Juni Geburtstag und bekam vom Vater seiner besten Freundin seinen instrumentalen Herzenswunsch erfüllt. Dessen Frau war entsetzt: „Das kannst Du Anna nicht antun!“ Aber er meinte, Herzenswünsche gehören erfüllt. Nun denn… In den ersten Wochen fand das Instrument keine besondere Beachtung, aber in den letzten Tagen wurde es immer intensiver bespielt. Mein Sohn hat zwar keinen Unterricht, aber dafür klingt es gar nicht mal so schrecklich. Trotzdem triggert es ein Kindheitstrauma. Das Worst-Case-Szenario ist eingetreten: Mein Kind spielt BLOCKFLÖTE.

Update: 6 Monate später hat das Kind seine wahre Berufung entdeckt und spielt jetzt doch Schlagzeug.

Gedanken über das Älterwerden

War es nicht erst gestern, als ich mich über alte Menschen aufregte, die sich über die Jugend aufregten?

War es nicht erst gestern, als ich die Stempel der coolen Metal-Clubs voller Stolz auf meinem Handgelenk trug?

War es nicht erst gestern, als ich der Meinung war, Kinderspielplätze seien der richtige Ort, um abends mit Freunden ein paar Bierchen und Kippen und anderes brennbares Material zu konsumieren?

Nein, das war nicht gestern, es muss länger her sein. Denn vor wenigen Tagen erwischte ich mich dabei, mich gedanklich über ein Mädchen – oder eine junge Frau? – lustig zu machen, das ein Shirt trug von einer Band, deren Sänger sein Dasein beendete, bevor besagtes Mädchen überhaupt das Licht der Welt erblickte, an den ich mich aber noch erschreckend gut erinnern kann.

Nein, es war letzte Woche, als ich auf den Stempel auf meinem Handgelenk angesprochen wurde und zugeben musste, dass der nicht von einem coolen Konzert, sondern vom Ikea Smalland stammte. Jahaa, das ist der heißteste Scheiß für die coolen Kids. So.

Und es war gestern, vorgestern und gefühlt jeden verdammten Tag der letzten 8 Jahre, als ich mich fürchterlich über Scherben und Kippen in der Sandkiste unseres Spielplatzes aufregte.

Fazit: Die „Jungend von heute“ ist genauso rücksichtlos wie die Jugend von gestern und die Alten von heute (=die Jugend von gestern) sind genauso spießig wie die Alten von gestern. Und ich habe mir eine 60-Euro-Anti-Aging-Creme gekauft, damit keiner merkt, dass ich inzwischen zu den Alten von heute gehöre. Aber ich fürchte, die Creme rettet es jetzt auch nicht mehr, denn gestern spielte in Hannover eine Band, die ich vor 24 Jahren schon einmal in Hannover live gesehen habe, und ich war zu müde um hinzugehen. Ich denke, damit bin ich jetzt offiziell alt.

Das Leben ist kein Kindergeburtstag…

… und das ist auch gut so. Aber heute ist es das doch.

Eben verabschiedete ich meinen Eheliebsten an der Tür. Er wünschte mir viel Spaß bei der bevorstehenden Kinderparty. Ich meinte „na, hoffentlich…“ Er fragte „was kann schon schief gehen?“

Und da fiel er mir wieder ein, der fünfte Geburtstag des weltbesten Erstgeborenen…

4 ½ Jahre ist er her, dieser verhängnisvolle Tag. Das Kind wünschte sich eine Indianer-Party. Der Eheliebste und ich hatten hingebungsvoll ein Tipi aus Bambusstangen, Bettlaken und Tragetüchern im Kinderzimmer aufgebaut. Damit kleckerarm im Tipi gegessen und getrunken werden konnte, hatte ich ganz un-indianisch umweltfeindliche Erfrischungsgetränke in PET-Flaschen mit Nuckelverschluss (Fruchttiger) gekauft. Außerdem hatte ich drei Sorten Muffins gebacken und „Bison im Schlafrock“ = Seitanwurst in Blätterteig für das Abendessen vorbereitet.

Die große Stunde rückte näher. Ich holte alle Sioux vom Kindergarten ab. Dort verkündete die erste Squaw, dass sie doch lieber nicht mitkommen wolle. Dummerweise war die Mutter dieses Kindes auf Dienstreise und hatte dem Babysitter frei gegeben, weil das Kind ja auf der Party hätte sein sollen. Also lockte ich das unwillige Kind mit Versprechungen von Süßigkeiten und Fruchttigern ins Tipi. Um mit 6 amerikanischen Ureinwohnern und dem 1 ½ jährigen weltbesten Zweitgeborenen nicht so allein zu sein, hatte ich die Stammesälteste (= meine Mutter) um indianische Unterstützung gebeten. Eigentlich hätte sie sich um den Lütten kümmern sollen, stattdessen war sie mehrere Stunden damit beschäftigt, das weinende Kind zu trösten, das abgeholt werden wollte. Das Geburtstagskind heulte auch ca 45 Minuten lang, weil es den heiß ersehnten Mini-Krökeltisch von Oma zum Geburtstag bekommen hatte, aber niemand die Zeit hatte, das Ding zusammen zu schrauben. Die anderen Sioux saßen krümelnd und zufrieden im Tipi. Eine kleine Squaw, die zu Hause ökologisch korrekter ernährt wurde als bei dieser Party, nutzte die Gunst der Stunde, um 4 Flaschen Fruchttiger auf ex zu trinken. Eine halbe Stunde später pinkelte sie in meinen Flur und weinte bitterlich aus Scham und aus Verzweiflung, da die Leihklamotten, die ich ihr zur Verfügung stellte, nicht ihrem Geschmack entsprachen. Bevor ich die Pipi-Lache entfernen konnte, trat die dritte kleine Squaw mitten rein und durchnässte ihre Strumpfhose. Und weinte natürlich bitterlich, weil es nass und eklig war und weil die von mir zur Verfügung gestellte Leih-Strumpfhose auch nicht ihrem Kleidergeschmack entsprach.

Als alle Kinder trocken gelegt waren, wollten wir uns aufmachen zur schamanischen Visionssuche nach dem Krafttier. Hierfür waren im Garten Schleich-Tiere in selbstgemachten Stoffbeuteln versteckt. Sobald wir die Gartentür öffneten, öffnete auch der Himmel seine Schleusen. Zumindest vor dem Hintergrund des Regens war es wohl gut, dass das Geburtstagskind innerhalb von 90 Sekunden alle Beutel gefunden hatte, bevor auch nur ein anderes Kind die Chance hatte, den Garten zu erkunden. Aber jedes nasse Kind bekam einen nassen Beutel mit einem schamanischen Krafttier – und dann ging das nächste Geheule los, weil ja alle anderen ein schöneres Tier hatten als man selbst. Nach ca 15 Minuten Kreischen mit Tauschbörse im Treppenhaus waren alle nassen Schamaninnen und Schamanen wieder im Tipi angelangt und durften noch ein wenig musizieren. Zu meiner großen Freude kannte sogar ein Kind den Text von Kuate Leno Leno Mahote. Alle anderen fanden das doof und wollten lieber auf Möbeln trommeln. Dann servierte ich Bison im Schlafrock. Das Vegetarier-Kind wollte das nicht essen, weil es nach Tier klang (obwohl es vegan war), die nicht-vegetarischen Kinder wollten es nicht essen, weil es in Wirklichkeit ja kein Bison war.

In all dieser Zeit war der weltbeste Zweitgeborene mehr oder weniger unbeaufsichtigt, weil Oma und Mama ja damit beschäftigt waren, immer mindestens 2 – 4 weinende Kinder zu trösten. Aber er nutzte die Zeit sinnvoll und entschied, dass 1 ½ ein gutes Alter ist, um die mütterlichen „keinen Zucker und kein Weißmehl“ Ernährungsvorgaben abzuschaffen. Irgendwann waren alle Blaubeermuffins weg. Fiel keinem weiter auf. NOCH nicht.

Dann trafen die Eltern ein. Auch die Mutter der kleinen Squaw, die die ganze Zeit geweint und kein einziges Spiel mitgemacht hatte, erschien abgehetzt von ihrer Dienstreise und wurde von einem strahlenden Kind begrüßt, das gar nicht gehen wollte.

Die anderen Eltern ließen sich noch gemütlich im Wohnzimmer nieder und verputzen die von den Kindern verschmähten Bisons, tranken Prosecco und machten nicht den Anschein, bald gehen zu wollen. Ich genehmigte mir auch einen Prosecco, von dem ich nach wenigen Schlucken hackedicht war. Plötzlich erschien mir die Party gar nicht mehr so schlimm, ich berichtete lachend von den Pipi-Unfällen und Strumpfhosen-Dramen, alle lachten mit – und irgendwann gingen sie.

Das wäre ein schönes Ende gewesen. Aber da war ja noch die Sache mit den verschwundenen Blaubeer-Muffins. In dem Moment, als ich mit dem weltbesten Zweitgeborenen auf dem Arm die letzte Mutter mit einer herzlichen Umarmung verabschiedete, kamen die Blaubeermuffins wieder zum Vorschein. Direkt aus dem Magen des Kindes in meinen Ausschnitt. Und das war ein wirklich passendes und würdiges Ende für einen ereignisreichen Kindergeburtstag.

Tja, was soll ich sagen? Heute feiert der weltbeste Zweitgeborene seinen fünften Geburtstag. Er wünscht sich das Motto Safari. Was kann da schon schiefgehen?